Doch keine Dichotomie?
Im Memlog wurde gestern über die religiösen Gefühle “eingeschworener Naturalist[en]” philosophiert:
Wie geht ein eingeschworener Naturalist eigentlich mit religiösen Gefühlen um? Lehnt er diese ab oder unterdrückt er sie? Erklärt er sie wissenschaftlich (z.B. als neurochemisches Feuerwerk)? [...]
Da ich beides, Naturalismus und Religion, bisher eigentlich für unvereinbar hielt, habe ich weitergelesen und musste etwas darüber nachdenken. Und weil im Verlauf des Postings vorgeschlagen wird, “der Wissenschaftler” könnte (unter anderen) eine Antwort haben, fühle ich mich auch zu einer solchen genötigt.
Zuerst aber Folgendes: Als Beispiel für die religiösen Gefühle wird im weiteren Verlauf ein von Gänsehaut begleitetes Kribbeln im Angesicht der relativen Größe des Autors zur scheinbar unendlichen Weite des Alls angeführt. Meine Definition religiöser Gefühle wäre eine andere, daher kann es gut sein, dass wir gleich etwas aneinander vorbei diskutieren…
Dennoch, Defintion hin oder würde ich für mich beanspruchen, keine solchen Gefühle zu haben. Sicher, der Mensch kann viele Größenordnungen, ein gutes Beispiel ist die unseres Universums, ganz einfach nicht begreifen. Dafür sind unsere Gehirne eben nicht ausgelegt. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns, wie auch das aller anderen Arten (die eines besitzen), ist nun mal von selektiver Notwendigkeit geprägt. Daher ist es der so genannte Mesokosmos, der Bereich der (relativ zu uns) mittleren Größen, den wir erfassen können. Strahlung, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, Umfang und Masse des Pluto (sei es nun ein Planet oder nicht), ein Wassermolekül oder der absolute Nullpunkt liegen ohne erhebliche Abstraktion außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Sicher lässt unsere überlegene intellektuelle Leistungsfähigkeit auf den ersten Blick einen anderen Schluß zu, aber auch das lässt sich auf biologische Weise befriedigend erklären (wurde, zum Beispiel hier, auch schon gemacht).
Soll dieser entwicklungsbiologisch bedingte Sachverhalt nun aber religiöse oder andere mystische Gefühle in mir wecken? Nein, das tut er nicht. Ehrfucht? Ja, das manchmal schon. Aber es sind weniger die etwa 100 Milliarden Lichtjahre des Weltalls, die so etwas bewirken. Dafür reicht ein Biologielehrbuch aus. Ich halte die Ehrfurcht vor den Leistungen der Natur und dem Leben auch für kein mystisches, also übernatürliches Gefühl. Und “wirkliche” religiöse Gefühle, die sich aus der vermeintlichen Existenz eines übernatürlichen Wesens entwickeln, verschließen sich dem Naturalisten per definitionem ja schon. Glaubte er an solche, wäre er kein Naturalist…
Vielleicht lässt sich aus dieser Geschichte ein Stöckchen machen? Sollte sich ein Künstler oder Philosoph (oder auch noch ein Wissenschaftler anderen Fachgebiets) hier einfinden, dann wäre es schön wenn er das Thema bei sich aufgreift.


February 7th, 2008 at 3:36 pm
Hi,
ich bin über den memlog auf dies Post gestoßen, gefällt mir sehr gut!
Hättest Du vielleicht Interesse, mit diesem (oder einem anderen) Beitrag an einer Blogparade (“Eine gottlose Veranstaltung“) teilzunehmen?
MfG,
JLT
February 7th, 2008 at 6:55 pm
Moin JLT,
na logo. Ich hatte von dieser Geschichte bei dir auch schon gelesen und finde die Idee super. Ich hatte eigentlich vor, noch ein extra dafür vorgesehenes Posting zu schreiben. Leider komme ich außerhalb des Labors im Moment zu nichts…
Nimm doch erstmal das hier, vielleicht schaffe ich es noch, ein dediziertes nachzuliefern. Ich will das Projekt dann ja auch nicht unerwähnt lassen!
LG Happy
February 7th, 2008 at 9:11 pm
Wunderbar!
Du kannst auch jederzeit noch ein Special-Blogparaden Post schreiben und nachreichen, läuft ja noch bis zum 5. März!
Schöne Grüße,
JLT
February 16th, 2008 at 2:14 pm
[...] ich die Geschichte hier schon (tick off
) und dann mache ich einfach mit nem alten Posting mit. Dem hier. Also, bin gespannt was dabei raus [...]