Beyond Reasonable Doubt

A life scientist’s thoughts on life science, evolution, religion and a bit of anything
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"Isn't it enough to see that a garden is beautiful without having to believe that there are fairies at the bottom of it too?"

- Douglas Adams, The Hitchhikers Guide To The Galaxy


Archive for the ‘Mystizismus’


Atheistische Blogparade: “Eine gottlose Veranstaltung”

Blogs atheistisch, naturalistisch oder humanistisch orientierter Blogger sind im deutschen Sprachraum nicht so leicht zu finden. Man findet sie, klar. (Du befindest dich gerade auf einem.) Aber es sind vergleichsweise wenige und man kann sie nicht immer gleich als solche identifizieren. Warum? Nun, zum einen ist die deutsche Blogosphäre nicht so riesig, es gibt wahrscheinlich für jedes Thema weniger Blogs in deutscher als in englischer Sprache. Neben dieser offensichtlichen Begründung gibt es aber noch weitere: Das Thema ist im deutschsprachigen Raum nicht besonders präsent. Während in den USA ein regelrechter Glaubenskrieg tobt, ist die Situation hier in Deutschland doch relativ entpsannt. Die meisten Vertreter aller Glaubensrichtungen sind recht liberal eingestellt, und auch die Regierung und Gesetzgebung ist vergleichsweise wenig religiös beeinflusst. Daher wird in dieser Richtung wenig gebloggt, und man kann einem Blog im Regelfall nicht ansehen, auf welche Weise der Blogger Stellung beziehen würde. Das Ferkelbuch zeigt aber schon, wohin die Reise gehen könnte und daher glaube ich, dass dieses Thema auch in unserer Gesellschaft (und Blogosphäre) schon jetzt mehr beachtet werden sollte.

Das haben sich natürlich auch andere schon gedacht und JLT hat dafür die Blogparade “Eine gottlose Veranstaltung” initiiert. Dabei soll neben der Sammlung religionskritischer Postings auch die Vernetzung bloggender Atheisten erleichtert werde. Find ich super, mach ich glatt mit. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle auch gleich noch ein neues Posting dranhängen, mit dem ich dann teilnehmen wollte. Ich habe aber leider nicht so viel Zeit im Moment, beziehungsweise muss etwas Prioritäten setzen… Aber vorstellen wollte ich die Geschichte hier schon (tick off :-) ) und dann mache ich einfach mit nem alten Posting mit. Dem hier. Also, bin gespannt was dabei raus kommt!

 

Sie haben ihn sich verdient

Der Gewinner des Dodo des Monats für den Januar 2008 ist gefunden: Pro7 erhält die “Auszeichnung” für ihre mystische Verblödungsshow The next Uri Geller. Ich spare mir den Verriss an dieser Stelle, einfach mal bei Google eingeben… ;-)

Doch keine Dichotomie?

Im Memlog wurde gestern über die religiösen Gefühle “eingeschworener Naturalist[en]” philosophiert:

Wie geht ein eingeschworener Naturalist eigentlich mit religiösen Gefühlen um? Lehnt er diese ab oder unterdrückt er sie? Erklärt er sie wissenschaftlich (z.B. als neurochemisches Feuerwerk)? [...]

Da ich beides, Naturalismus und Religion, bisher eigentlich für unvereinbar hielt, habe ich weitergelesen und musste etwas darüber nachdenken. Und weil im Verlauf des Postings vorgeschlagen wird, “der Wissenschaftler” könnte (unter anderen) eine Antwort haben, fühle ich mich auch zu einer solchen genötigt.

Zuerst aber Folgendes: Als Beispiel für die religiösen Gefühle wird im weiteren Verlauf ein von Gänsehaut begleitetes Kribbeln im Angesicht der relativen Größe des Autors zur scheinbar unendlichen Weite des Alls angeführt. Meine Definition religiöser Gefühle wäre eine andere, daher kann es gut sein, dass wir gleich etwas aneinander vorbei diskutieren…

Dennoch, Defintion hin oder würde ich für mich beanspruchen, keine solchen Gefühle zu haben. Sicher, der Mensch kann viele Größenordnungen, ein gutes Beispiel ist die unseres Universums, ganz einfach nicht begreifen. Dafür sind unsere Gehirne eben nicht ausgelegt. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns, wie auch das aller anderen Arten (die eines besitzen), ist nun mal von selektiver Notwendigkeit geprägt. Daher ist es der so genannte Mesokosmos, der Bereich der (relativ zu uns) mittleren Größen, den wir erfassen können. Strahlung, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, Umfang und Masse des Pluto (sei es nun ein Planet oder nicht), ein Wassermolekül oder der absolute Nullpunkt liegen ohne erhebliche Abstraktion außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Sicher lässt unsere überlegene intellektuelle Leistungsfähigkeit auf den ersten Blick einen anderen Schluß zu, aber auch das lässt sich auf biologische Weise befriedigend erklären (wurde, zum Beispiel hier, auch schon gemacht).

Soll dieser entwicklungsbiologisch bedingte Sachverhalt nun aber religiöse oder andere mystische Gefühle in mir wecken? Nein, das tut er nicht. Ehrfucht? Ja, das manchmal schon. Aber es sind weniger die etwa 100 Milliarden Lichtjahre des Weltalls, die so etwas bewirken. Dafür reicht ein Biologielehrbuch aus. Ich halte die Ehrfurcht vor den Leistungen der Natur und dem Leben auch für kein mystisches, also übernatürliches Gefühl. Und “wirkliche” religiöse Gefühle, die sich aus der vermeintlichen Existenz eines übernatürlichen Wesens entwickeln, verschließen sich dem Naturalisten per definitionem ja schon. Glaubte er an solche, wäre er kein Naturalist…

Vielleicht lässt sich aus dieser Geschichte ein Stöckchen machen? Sollte sich ein Künstler oder Philosoph (oder auch noch ein Wissenschaftler anderen Fachgebiets) hier einfinden, dann wäre es schön wenn er das Thema bei sich aufgreift.

Vielleicht wird es wahr, wenn wir es einfach immer wiederholen

[via]

In den Vereinigten Staaten ist die auf Darwins Origin basierende Evolutionstheorie bekanntlich heftig umstritten. Es handelt sich dabei allerdings nicht, wie man zunächst denken könnte, um eine wissenschaftliche Debatte. Vielmehr versuchen bibeltreue Kreationisten (und Vertreter des fuchsigen “Intelligent Design”, das auf Bibelzitate verzichtet um diesen Blödsinn im Biologieunterricht platzieren zu können) die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Evolutionstheorie mit frei erfunden Dummheiten zu unterwandern.

In Florida wurde kürzlich aufgrund neuer Proposed Standards für den dortigen Biologieunterricht der Ring für die nächste Runde frei gegeben.

Die christliche Baptist Press lässt in der Einleitung des Artikels bereits ihre erstaunliche Fachkunde in wissenschaftlichen Fragestellungen erkennen:

As in other states, the debate involves whether evolution should be presented as a fact or a theory.

Ein Klassiker. Man kann es anscheinend nicht oft genug sagen: Die Theorie ist (im wissenschaftlichen Sprachgebrauch) die höchste Form wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns! Das mag zwar nicht besonders intuitiv sein, aber trotzdem ist es eine Tatsache. Wenn ein Wissenschaftler von einer Theorie spricht, dann meint er damit ein in sich widerspruchsfreies, durchs Feuer permanenter Falsifikationsversuche gegangenes und bisher unwiderlegtes System von Sätzen. Erst wenn sich eine Hypothese auf diese Art bewährt hat, wird sie in den erlauchten Kreis der anerkannten Theorien aufgenommen und unterliegt selbstverständlich weiterhin der strengen Prüfung: Wird sie irgendwann widerlegt, muss sie verworfen werden. Das ist im Fall der Evolutionstheorie beinahe 150 Jahre lang erfolglos mit äußerster Strenge versucht worden, weswegen die Theorie unter Fachleuten auch praktisch ausnahmslos anerkannt wird. Dennoch wird sie nicht, wie unterstellt, als “Fakt” oder “Dogma”, sondern als Theorie im vorgestellten Sinne gesehen und selbstverständlich auch gelehrt. Es ist durchaus tragische Ironie, dass die lautstärksten Vertreter haltloser Dogmen dieses Argument immer wieder anführen.

Ken Kendall, Vertreter der Baptist Church in Jacksonville, schießt dann noch den Vogel ab:

The language in the proposed standards, Kendall said, is dogmatic when it asserts that “evolution is the fundamental concept underlying all biology.”
Referring to the discovery that Pluto no longer is considered a planet by scientists today, Kendall said scientific opinions can change as scientists explore new information.

Nein, es ist eben nicht dogmatisch. Die Evolution ist ein fundamentales Konzept fast aller Bereiche der Biologie, zumindest nach dem heutigen Stand der Forschung. Die Krönung ist der nächste Satz, mit dem er dann sein eigenes argumentatives Kartenhaus zum Einsturz bringt.
Da wir Biologen leider auch nicht über Kristallkugeln verfügen, können wir entweder das unterrichten, was wir bisher gesammelt haben oder gar nichts. Kendall wäre dann wahrscheinlich für gar nichts, aber er ist für den Biologieunterricht zum Glück auch nicht verantwortlich.

Was der Artikel allerdings wie immer vermissen lässt sind konkrete Vorschläge der Kritiker, wie ein besserer wissenschaftlicher Biologieunterricht denn auszusehen hätte…

Mit zweierlei Maß messen

Auf dem Brights-Blog bin ich gestern auf den infamen Antrag des Bundesfamilienministeriums aufmerksam geworden, die Verbreitung des satirischen Kinderbuchs “Wo bitte geht’s hier zu Gott? fragte das kleine Ferkel” im Rahmen eines Indizierungsantrages wegen angeblich jugendgefährdender Schriften zu verhindern.
Die ganze zugrundeliegende Pressemitteilung kann beim humanistischen Pressedienst nachgelesen werden.

Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine FerkelAuf den ersten Blick denkt man bei der Meldung an einen schlechten Scherz. Zur Illustration habe ich hier auch das Cover des Buches eingebunden (das zu lesen ich bisher leider keine Gelegenheit hatte). Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto logischer und verwerflicher wird diese Geschichte:
Die großen Kirchen, alle wie sie da sind, sind für die Rettung ihrer schwindenden Mitgliederzahlen doch unbedingt auf die frühkindliche Indoktrination angewiesen. Sicher werden auch ältere Menschen noch zum Ausschalten ihres Verstands Glauben bekehrt, aber doch in viel zu geringem Maße. Ich behaupte einfach mal dass ein junger Mensch, der bis ungefähr zur Pubertät keine Bindung an eine Kirche hat, mit großer Wahrscheinlichkeit für diese verloren ist.

Damit würde sich auch der heuchlerische Versuch erklären, bei jeder Möglichkeit auf das Recht zu pochen, die Kinder religiösen Lehren jeglicher Art auszusetzen, Vertretern eines rationalen, naturalistischen Weltbildes dieses Recht aber absprechen zu wollen.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Bundesprüfstelle die offenbar haltlosen Argumente als solche erkennt und den Antrag ablehnt.

Nachtrag: Auf der Seite www.ferkelbuch.de wurde bereits eine Unmenge interessanter Informationen zu diesem Thema zusammengetragen und auch eine Unterstützerliste eingerichtet.