Beyond Reasonable Doubt

A life scientist’s thoughts on life science, evolution, religion and a bit of anything
Random Image

"Isn't it enough to see that a garden is beautiful without having to believe that there are fairies at the bottom of it too?"

- Douglas Adams, The Hitchhikers Guide To The Galaxy


Archive for the ‘Politik’


Sciencedebate 2008

Kaum schreibe ich mal ein paar Zeilen zur Wissenschaft in Politik und Öffentlichkeit, schon wird da eine Riesenaffäre draus gemacht… ;-)

Sciencedebate 2008 LogoNa gut, dies ist wirklich passiert: In den USA wurde eine Initiative gestartet, die am Ende auf eine Debatte der Präsidentschaftskandidaten hinauslaufen soll. In dieser sollen dann wissenschaftliche Themen diskutiert werden, die für die Bevölkerung in den (und auch außerhalb der) USA von besonderem Interesse sein sollten. So sieht das dann bei denen aus:

Given the many urgent scientific and technological challenges facing America and the rest of the world, the increasing need for accurate scientific information in political decision making, and the vital role scientific innovation plays in spurring economic growth and competitiveness, we call for a public debate in which the U.S. presidential candidates share their views on the issues of The Environment, Health and Medicine, and Science and Technology Policy.

Wer möchte, kann sich dort anmelden und eigene Fragen einsenden, die den zukünftigen Präsidenten dann ordentlich ins Schwitzen bringen. Tolle Sache, sollte es hier auch mal geben zur nächsten Wahl.

[via]

*Edit:* Nature greift das Thema im aktuellen Editorial auf (Nature 451, 605 (7 February 2008)) und bezweifelt den langfristigen Nutzen einer solchen Aktion. Es wird davor gewarnt, die Wissenschaft nicht als wichtige Entscheidungsgrundlage, sondern als zentrales Thema der Politik und des Wahlkampfes zu verstehen.

Kann man genug wissen um überall mitzureden?

Das deutsche Museum in München ist schon eine sehr interessante Einrichtung. Ich war – leider zum ersten und einzigen Mal – vor gut 15 Jahren dort, und der Besuch hat mich damals schon beeindruckt. Im Blog zum Museum kommen die wissenschaftlich Verantwortlichen zu Wort.

Im neuesten Post geht es vordergründig um die Animation eines molekularen “Fußballs”, der von einem Benzolring in einen anderen bewegt wird. Dabei schweift der Autor jedoch auf ein anderes Thema ab, dass mich zum Nachdenken angeregt hat: Angesichts der steigenden Komplexität und Anzahl wissenschaftlicher Themengebiete, kann sich jeder überhaupt noch an allen wichtigen Disukssionen konstruktiv beteiligen? Und wenn ja, wie ginge das? Auf welche Weise kann man sich ausreichend informieren? Und wie sollte die Politik reagieren, wenn neue nutzbringende Technologien, meistens aus Gründen mangelnder Aufklärung, in der Bevölkerung überwiegend abgelehnt werden?

Für den Fall, dass man mir jetzt den Hochmut eines Fachmannes unterstellt, der die “unbequemen Laien” aus der Diskussion ausschließen will: Das ist nicht der Fall. Um meinen Gedanken zu illustrieren, zähle ich mal kurz auf, was mir an Themen spontan eingefallen ist:

  • Die Einschränkungen in der Forschung an embryonalen Stammzellen, das Stammzellgesetz
  • Der Klimawandel, seine Ursachen und dessen Bekämpfung
  • Der Kreationismus als pseudowissenschaftliche “Theorie” im Biologieunterricht
  • Klonen, wie weit darf man gehen?
  • Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Organismen, die grüne Gentechnik
  • Energiekrise
  • Nanotechnologie
  • Der Umgang mit Alternativmedizin im Gegensatz zu wissenschaftlich fundierter

Die Liste lässt sich ohne weiteres fortsetzen. Es ist meines Erachtens nach schlichtweg unmöglich, in all diesen Bereichen ausreichende Fachkenntnis zu erwerben, um jeweils alle Notwendigkeiten und Konsequenzen richtig einschätzen zu können. Ich bin als recht frisch gebackener Molekularbiologe natürlich in den fachverwandten Themen ziemlich firm, aber dennoch habe ich oft das Gefühl, für einzelne Fragen nicht gut genug informiert zu sein.

Da die Beantwortung aller eingangs gestellter Fragen, so weit man sie denn abschließend beantworten kann, den Rahmen eines Postings, wahrscheinlich den des ganzen Blogs sprengen würde, werde ich einzelne Aspekte im Rahmen einer Serie nach und nach aufgreifen.

Aus aktuellem Anlass starte ich baldmöglichst (also sobald ich Zeit finde), mit einer Betrachtung des Streits um die anstehende Novellierung des Gentechnik-Gesetzes.

Vielleicht wird es wahr, wenn wir es einfach immer wiederholen

[via]

In den Vereinigten Staaten ist die auf Darwins Origin basierende Evolutionstheorie bekanntlich heftig umstritten. Es handelt sich dabei allerdings nicht, wie man zunächst denken könnte, um eine wissenschaftliche Debatte. Vielmehr versuchen bibeltreue Kreationisten (und Vertreter des fuchsigen “Intelligent Design”, das auf Bibelzitate verzichtet um diesen Blödsinn im Biologieunterricht platzieren zu können) die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Evolutionstheorie mit frei erfunden Dummheiten zu unterwandern.

In Florida wurde kürzlich aufgrund neuer Proposed Standards für den dortigen Biologieunterricht der Ring für die nächste Runde frei gegeben.

Die christliche Baptist Press lässt in der Einleitung des Artikels bereits ihre erstaunliche Fachkunde in wissenschaftlichen Fragestellungen erkennen:

As in other states, the debate involves whether evolution should be presented as a fact or a theory.

Ein Klassiker. Man kann es anscheinend nicht oft genug sagen: Die Theorie ist (im wissenschaftlichen Sprachgebrauch) die höchste Form wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns! Das mag zwar nicht besonders intuitiv sein, aber trotzdem ist es eine Tatsache. Wenn ein Wissenschaftler von einer Theorie spricht, dann meint er damit ein in sich widerspruchsfreies, durchs Feuer permanenter Falsifikationsversuche gegangenes und bisher unwiderlegtes System von Sätzen. Erst wenn sich eine Hypothese auf diese Art bewährt hat, wird sie in den erlauchten Kreis der anerkannten Theorien aufgenommen und unterliegt selbstverständlich weiterhin der strengen Prüfung: Wird sie irgendwann widerlegt, muss sie verworfen werden. Das ist im Fall der Evolutionstheorie beinahe 150 Jahre lang erfolglos mit äußerster Strenge versucht worden, weswegen die Theorie unter Fachleuten auch praktisch ausnahmslos anerkannt wird. Dennoch wird sie nicht, wie unterstellt, als “Fakt” oder “Dogma”, sondern als Theorie im vorgestellten Sinne gesehen und selbstverständlich auch gelehrt. Es ist durchaus tragische Ironie, dass die lautstärksten Vertreter haltloser Dogmen dieses Argument immer wieder anführen.

Ken Kendall, Vertreter der Baptist Church in Jacksonville, schießt dann noch den Vogel ab:

The language in the proposed standards, Kendall said, is dogmatic when it asserts that “evolution is the fundamental concept underlying all biology.”
Referring to the discovery that Pluto no longer is considered a planet by scientists today, Kendall said scientific opinions can change as scientists explore new information.

Nein, es ist eben nicht dogmatisch. Die Evolution ist ein fundamentales Konzept fast aller Bereiche der Biologie, zumindest nach dem heutigen Stand der Forschung. Die Krönung ist der nächste Satz, mit dem er dann sein eigenes argumentatives Kartenhaus zum Einsturz bringt.
Da wir Biologen leider auch nicht über Kristallkugeln verfügen, können wir entweder das unterrichten, was wir bisher gesammelt haben oder gar nichts. Kendall wäre dann wahrscheinlich für gar nichts, aber er ist für den Biologieunterricht zum Glück auch nicht verantwortlich.

Was der Artikel allerdings wie immer vermissen lässt sind konkrete Vorschläge der Kritiker, wie ein besserer wissenschaftlicher Biologieunterricht denn auszusehen hätte…

Mit zweierlei Maß messen

Auf dem Brights-Blog bin ich gestern auf den infamen Antrag des Bundesfamilienministeriums aufmerksam geworden, die Verbreitung des satirischen Kinderbuchs “Wo bitte geht’s hier zu Gott? fragte das kleine Ferkel” im Rahmen eines Indizierungsantrages wegen angeblich jugendgefährdender Schriften zu verhindern.
Die ganze zugrundeliegende Pressemitteilung kann beim humanistischen Pressedienst nachgelesen werden.

Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine FerkelAuf den ersten Blick denkt man bei der Meldung an einen schlechten Scherz. Zur Illustration habe ich hier auch das Cover des Buches eingebunden (das zu lesen ich bisher leider keine Gelegenheit hatte). Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto logischer und verwerflicher wird diese Geschichte:
Die großen Kirchen, alle wie sie da sind, sind für die Rettung ihrer schwindenden Mitgliederzahlen doch unbedingt auf die frühkindliche Indoktrination angewiesen. Sicher werden auch ältere Menschen noch zum Ausschalten ihres Verstands Glauben bekehrt, aber doch in viel zu geringem Maße. Ich behaupte einfach mal dass ein junger Mensch, der bis ungefähr zur Pubertät keine Bindung an eine Kirche hat, mit großer Wahrscheinlichkeit für diese verloren ist.

Damit würde sich auch der heuchlerische Versuch erklären, bei jeder Möglichkeit auf das Recht zu pochen, die Kinder religiösen Lehren jeglicher Art auszusetzen, Vertretern eines rationalen, naturalistischen Weltbildes dieses Recht aber absprechen zu wollen.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Bundesprüfstelle die offenbar haltlosen Argumente als solche erkennt und den Antrag ablehnt.

Nachtrag: Auf der Seite www.ferkelbuch.de wurde bereits eine Unmenge interessanter Informationen zu diesem Thema zusammengetragen und auch eine Unterstützerliste eingerichtet.